26.10.2011 – Der technische Berater


Freunde sagen über mich, ich wäre ein gelassener, friedliebender, den Konflikt meidender, vermittelnder und generell immer dem Konsenz den Vorzug gebender Mensch. Doch in den letzten Monaten – so sagen sie – habe diese Siddartha-gleiche Fassade leichte Risse bekommen. Ich zeige Anzeichen von Ungeduld, Fahrigkeit, ja fast Jähzorn.
Zwar kann ich diese Meinung nicht teilen, doch muss auch ich zugeben, dass ich doch das eine oder andere Mal unvermittelt laut schreie – ohne dabei zu lachen. Gerade neulich, als mir eine gewisse Behörde schrieb, zum wirklich endgültigen, also wirklich endgültigen Beschluss über die Bewilligung des Zuschusses zu den von mir vorgesehehen Kraftfahrzeughilfen sei jetzt doch noch ein persönliches Treffen mit dem technischen Berater nötig. Ja, ich glaube, da habe ich ziemlich geschrien, naja eher geflucht, verteufelt, beschimpft, die Haare gerauft. Nicht wegen des Treffens, nein, nein. Dies hatte ich vor Monaten ja selbst vorgeschlagen, sondern weil zu dieser Entscheidung erneut knapp zwei Monate seit meinem Besuch der Rehaklinik ins Land gingen. Zwei Monate, in denen ich täglich mit dem Bescheid der ARGE gerechnet habe, um endlich das Auto zu bestellen, das dann auch noch mal 2-3 Monate später erst geliefert und dann noch umgerüstet werden würde.
Doch als ich dann eine Woche später dem technischen Berater gegenübersaß, wurde mir blitzartig klar, warum Zeit bei der Bearbeitung von Anträgen in der ARGE Ü-B-E-R-H-A-U-P-T keine Rolle spielt. Der auf eine Dreiviertel-Stunde geplante Termin dauerte gleich mal doppelt so lange, weil sich der durchaus sehr sympathische, ältere Herr zunächst einmal eine gute halbe Stunde über das Verlagsprogramm meines Arbeitgebers informierte, noch einige Schwänke aus seinem Leben zum Besten gab, um sich anschließend den gesamten, berschwerlichen Weg meiner Antragstellung genüsslich noch einmal aus meinem Munde anzuhören.

Fazit: Die Rolle des technischen Beraters erklärt, warum ein Sachbearbeiter nicht in der Lage ist, irgendetwas selbst zu entscheiden. Ihm reichen nämlich nicht das Angebot des Umrüsters, die Gutachten der Ärzte und des TÜVs. Nein, nein, um diese zu vestehen, braucht er einen technischen Berater. Nicht, dass dafür dann aber der technische Berater voller Kompetenz und Know How nur so strotzen würde. Ein Fall wie der meine (Rollstuhlfahrer mit Muskeldystrophie) sei der erste in seiner doch schon jahrzehntelangen und nächstes Jahr vom Renteneintritt determinierten Berufslaufbahn, erklärte er mir fröhlich. Gut, bei DEM Tempo bearbeitet er sicher auch nicht mehr als zwei Fälle pro Jahr. Auf alle Fälle stimmte er mir zu, dass die von mir beantragten Fahrzeughilfen die richtigen seien und dass der Zuschuss dafür bewilligt werden müsse. Toll, das haben bisher ja nur zwei TÜV-Gutacher, ein Fahrlehrer, ein Umrüster und gefühlt zehn Ärzte festgestellt! Auf meine – echt sehr dreiste – Frage hin, ob das denn jetzt auch zu einem baldigen Bescheid führen würde, erwirdete er freundlich, dass er natürlich schon noch zwei Wochen für die Erstellung des Gutachtens bräuchte, dieses dann dem Sachbearbeiter übergeben würde, der dann darüber zu entscheiden habe. Ob ich denn vielleicht wenigstens ein Schreiben von der ARGE bekommen könnte, das mich ermächtigen würde, das Auto schon mal bestellen zu können (ohne alle Ansprüche des Antrags zu verlieren), da die Hilfsmittel ja laut seiner Aussage bezuschusst würden…? Ja, dafür – erwiderte er stolz – gäbe es bei der ARGE sogar ein eigenes Formular. Das würde er umgehend in die Wege leiten – spätestens morgen…

Inzwischen sind wieder mehr als zwei Wochen vergangen, ohne Email, ohne Brief, ohne Formular und ich sitze hier, schreibe diese Zeilen und spüre ein dumpfes Rumoren in mir. Noch ist es ganz unterschwellig, wie zähflüssige Magma, das dampfend und glühend unter der Erdkruste strömt… blubbernd… wabernd. Doch ich ahne, dass bald, sehr bald der Tag kommen wird, an dem dieses Rumoren in mir einen solchen irrsinnigen Druck aufgebaut haben wird, dass es schließlich unaufhaltbar aus mir herausbrechen wird. Und mein Zorn wird giftige, rotglühende Lava mit einer nie dagewesenen Urgwalt aus mir kilometerhoch in die Lüfte schleudern und als Feuer und Asche auf die Erde regnen lassen, alles verbrennend und versengend, dass sich ihr in den Weg stellt, auf dass den Amtsschimmeln, Bürokraten und anderen Müßiggängern dieser Welt gewahr werde, der Tag des jüngsten Gerichts sei schließlich doch noch über den Beamtenapparat gekommen. Oh, seht sie, wie sie sich hilflos mit ihren Formularen und Aktendeckeln vor der alles verzehrenden Wolke zu schützen versuchen. Ja, da hilft kein Schnellhefter und kein Hängeordner mehr… Naja, vielleicht haben meine Freunde doch recht.

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